Anorf - wäis froier woar

Allendorf an der Lumda ist der Ort, in dem ich geboren(!) und aufgewachsen bin. Nun bin ich in einem Alter, dass ich darüber nachdenken kann, was mir an Eindrücken aus dieser Zeit geblieben ist.

Es ist vor allem meine Kindheit im Krieg und nach dem Krieg. Es waren schlimme, arme Zeiten. Aber als Kind bekommt man nicht viel davon mit – es ging allen schlecht und wir kannten nichts anderes – das ist heute anders, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht.


Ich hatte das Glück, zwischen gutherzigen Bauern aufzuwachsen. Und so gab es zur Schlachtzeit „Wurstsuppe“, meist sogar mit Kaffeewurst (andernorts Fensel genannt) und Wellfleisch (Queallfleesch) oder Leber- und Blutwürstchen. Zur Heu- oder Erntezeit half ich und man bekam bei den reichen oder guten Bauern Rühreier mit Speck – bei den ärmeren oder auch geizigeren Bauern gab es Pellkartoffeln (Quellkoardoffen) und Zwetschgenhonig (Quoatschehoink).
Wenn ich mit meinem Freund Walter die Ziege hütete (an Gras bewachsenen Wegrändern – heute gibt es bestimmt ein Gesetz dagegen), dann hatten wir als „Naschwerk“ braunen Zucker, an dem noch Kordel war, und Haferflocken – damals ein Genuss ohne gleichen. Dazu betrachteten wir ein Heft, das in Englisch geschrieben war und eine Bildergeschichte mit einem gewissen Goofy bei den Geistern darstellte. Es war schon etwas zerflettert und  stammte aus einem Carepaket. Wenn solche Carepakete kamen – das war wie Weihnachten! Den Amerikanern sei Dank!
Überhaupt die Amerikaner: Damals waren sehr oft Mannöver und so pilgerten wir zu den Lagern und wenn sie im Wald waren. Denn dort bekamen wir Kaugummi und Schokolade. Besonders freundlich und freigiebig waren Soldaten mit dunkler Hautfarbe und weißen, blitzenden Zähnen. Sie lachten uns immer fröhlich an und wir verstanden uns auch ohne die gleiche Sprache. Die hellhäutigen Soldaten waren nicht immer freundlich oder freigiebig – erst später verstand ich, warum: Unsere unselige Vergangenheit, von der wir damals nichts wussten. Später hat mir meine Oma oft davon erzählt.
Wenn in dem nahen Backhaus Brot gebacken wurde, bekamen wir eine besondere „Köstlichkeit“: Lohkuchen! Andernorts heißt dieser nicht süße Kuchen „Kartoffelplatz, Schmandkuchen, Schmirchelskuchen (das Rezept ist in meiner Homepage zu finden:
www.reinhold-gruninger.jimdo.com).
An der Aufzählung dieser „kleinen Köstlichkeiten“ mag man sehen, dass wir mit den einfachen Dingen zufrieden waren. Als Kaffee gab es selbstgebrannten Malz. Meine Oma hatte eine Art Rührgerät aus Metall, in dem wurde Gerste im Feuerloch des Herdes geröstet.
Wir waren irgendwie zufrieden, nie waren wir allein, sondern wir hatten viele Freunde, mit denen wir draußen spielen konnten, ohne dass uns jemand hinderte. Auch das Nachbarschaftsverhältnis war anders, es gab halt noch keine Fernsehapparate. So kamen die Nachbarn abends zusammen, im Winter drinnen, im Sommer draußen vor der Haustür, und wir lauschten den Erzählungen der Älteren. Es war eine gewisse Gemütlichkeit, wenn der alte Heinrich (bestimmt war er damals noch nicht alt, es kam uns Kindern nur so vor) seine Zigarre rauchte, was heute strengstens verpönt ist. Aber gerade der Zigarren“duft“ verbreitete für uns Heimat und Gemütlichkeit.
Mein Freund Walter aus dem Nachbarhaus, der älter als ich war, hatte wunderschöne Spielzeuge, wie einen Elefant, der aufgezogen los marschierte oder graue Soldaten aus Masse (wahrscheinlich Lineol oder Elastolin), mit denen man herrlich spielen konnte – ob amerikanischer Soldat oder verpönter Deutscher, das interessiert uns nicht, davon wussten wir auch nichts. Im Sommer bauten wir Häuschen oder „Dreschmaschinen“, denn Walter war ein „begnadeter“ Schreiner, diesen Beruf erlernte er dann auch. Als er wegzog war ich ziemlich traurig. Es gab natürlich auch schlechte Erlebnisse, Dinge. Aber die habe ich vergessen und verdrängt. Das Verdrängen können ist eine Eigenschaft des Menschen, die sein Überleben erst möglich gemacht hat, sonst wäre die menschliche Rasse bestimmt schon ausgestorben.
Nicht alle Kinder wuchsen so wie wir auf. Der Sohn unseres Hausarztes und der Sohn der Apothekerin hatten ganz tolle Spielsachen, von denen wir nur Träumen konnten: Märklin- Metallbaukästen und Eisenbahnen. Wir spielten manchmal mit ihnen und mit deren für uns unerschwinglichen Spielzeugen, aber wir empfanden keinen Neid.
Gerade die Modellbahnen hatten es mir angetan. Der Sohn des Bahnhofsvorstehers hatte eine riesige Modellbahn, vermutlich Märklin Spur 0 oder 1. Diese wurde wohl im Winter in einem Zimmer aufgebaut und es war wunderschön, die ratternden Züge und beleuchteten Häuschen anzusehen. Dann wurde noch eine Dampfmaschine angeheizt – phantastisch. Zum Abschluss gab es dann noch auf der Herdplatte geröstetes Brot – mit Salz bestreut, an Margarine oder gar Butter war damals nicht zu denken.
Einer der Höhepunkte des Jahres – auch heute noch – war Anfang November der Nikelsmarkt! Von unserem Haus aus konnte ich beobachten, wie am Dienstag vor dem großen Markttag die Stände aufgebaut wurden. Und dann erst am Mittwoch! All die schönen Dinge, die es dort zu kaufen gab und wir uns nicht leisten konnten: 50 Pfennig oder 1 Mark war unser Taschengeld. Das störte uns aber nicht, denn das Drumherum war wichtiger: Die Bauern aus dem Ebsdorfergrund, die für die Hausschlachtung ihre Gewürze kauften oder für den kommenden Winter lange, warme Hemden und Unterhosen, die Frauen in ihren Trachten. Und dann der „Wahre Jakob“ mit seinen Sprüchen. Das kann wohl niemand nachempfinden, der nicht neben und mit dem Nikelsmarkt aufgewachsen ist.
Eine Erinnerung, die ich oft rekapituliere, ist die Erinnerung an unsere Radios und die damaligen Sendungen. Das erste Radio, an das ich mich erinnere, war ein sogenannter Volksempfänger - ein schwarzer Bakelit-Kasten. Die ersten Sendungen und Meldungen waren eigentlich unschön. Es blieb mir immer die Erinnerung an "Kampfverband gemeldet". Das muss so um den 6. Dezember 1944 gewesen sein - die folgenschwere Bombardierung von Gießen. Dann, nach dem Krieg und bald auch mit einem anderen, moderneren Radio, erinnere ich mich an das erste Politkabarett-Programm: Die Insulaner vom RIAS Berlin, vor allem an Walter Gross und seine Darstellung als Obergenosse der SED während einer Sitzung. Dann die Familie Hesselbach von Wolf Schmidt - Mama Hesselbach war damals Lia Wöhr - die später im Fernsehen bei den Hesselbachs als Putzfrau fungierte. Es war immer sehr lustig, den Alltagsgeschichten einer alltäglichen Familie zuzuhören, ans "Milchdippche mit'm Dreckrändche" das dann zum "Dreckdippche mit'm Milchrändche" wurde. O tempora, o mores. Es war aber auch die Zeit des Peter Frankenfeld und des H. J. Kulenkampff. An eine dieser Sendungen an einem Samstag Abend erinnere ich mich noch. Es wurde ein unbekannter Sänger aufgerufen, der ein Lied sang, in dem der Refrain lautete "Kleiner Esel, so geh doch voran" auf die Melodie des Banana-Boat-Songs von Harry Belafonte! Der Sänger nannte sich Freddie - gerade 80 geworden. Eine andere, ständige, langlebige Sendung war der "Frankfurter Wecker", der etwa gegen 7 Uhr morgens statt fand. Was genau da gemacht wurde, weiß ich nicht, da ich zur Schule musste. Aber an 2 Namen erinnere ich mich: Udo Vietz, der hatte eine Stimme wie sein Name, und an einen Heinz Schenk. Zur Begrüßung sangen sie "Guten Morgen, guten Morgen ... Viel Glück und viel Freud wünschen wir Euch heut im Lande weit und breit ...". Gute Wünsche sind heute selten.
Das sind meine Empfindungen und Erinnerungen, wenn ich nach längerer Zeit von Climbach kommend in das Tal mit dem Städtchen Allendorf blicke , umgeben von großen Wäldern.
Aber noch eine "Geschichte". Auf der Strasse Richtung Climbach, in Höhe der Gärtnerei Schnell war das "Sauloch". Das war auf der rechten Seite ein Steilhang, auf den jegliche Art von Müll "gekippt" wurde - aus heutiger Sicht ein Unding. Ich habe so etwas wieder gesehen nach der Wende in der ehemaligen DDR. Aber damals gab es nicht viel Müll. Eines Tages, als ich Müll zum "Sauloch" brachte, stand dort ein kleiner LKW und zwei Männer machten sich am Müllabhang zu schaffen. Was sie dort machten, verstand ich, als der eine zum anderen sagte. "Aujust du nett so viel Wackete nei, sonst fällts uff". Jetzt war alles klar, es waren Schrotthändler und füllten in die leeren Blechdosen Steine. "Steine gab ich für Eisen". In Abwandlung des Spruches im 1. Weltkrieg.