Weben im Heimatmuseum Allendorf

 

Weben im Allendorfer Heimatmuseum

Am Sonntag, den 2. Oktober 2016, von 14.00 bis 17.30 Uhr,

laden wir in das Heimatmuseum, Kirchstraße 42, herzlich ein.

Die Veranstaltung steht unter dem Motto

„Die Leinenweberei in Allendorf“.

In Allendorf gab es Ende des 18. Jahrhunderts bis Anfang des 19. Jahrhundert eine starke Zunft der Leinenweber. Wir haben daher als einen Sammelschwerpunkt für das Museumskonzept das Thema „Vom Flachs zum Leinen“ ausgewählt.

Webmeister Wolfgang Lau wird auf unserem historischen Webstuhl die schwere Arbeit eines Webers zeigen. Wer Lust hat, kann sich selbst als Weber oder Weberin versuchen.

Wir zeigen auch eine Auswahl von neuen Webereien, die auf einem alten Webstuhl hergestellt wurden. Die Tischdecken, Läufer, Kissenbezüge und vieles mehr können käuflich erworben werden.

Natürlich laden wir -  wie immer – die Gäste zu Speisen und Getränken ein.

Ihr

Museumsteam

Die Leinenweberei in Allendorf

Die hessische Leinweberei ist so alt wie die Geschichte des hessischen Volkes. Schon im 14. Jahrhundert finden sich zahlreiche Zünfte. Dessen ungeachtet scheint der hessische Leinwandhandel erst seit jener Zeit eine höhere Bedeutung gewonnen zu haben, in welcher der Gebrauch der Hemden allgemeiner wurde und der Handel mit Amerika in Schwung kam.

1794 wird berichtet, dass es in Allendorf 101 Handwerker, darunter 9 Schmiede, 15 Schneider, 15 Schumacher, 21 Leinweber, 6 Strumpfweber, 4 Zimmerleute und 3 Wollenweber gab.

Im Jahre 1829 gab es in Allendorf  24 Leinweber. Im Naumburger Handbuch von 1845 ist vermerkt: Von den Allendorfer Handwerkern sind besonders die Tuch- und Teppichmacher sowie die Leinweber zu bemerken, welche ihre Produkte teilweise ins Ausland verhandeln.

Jedermann, der König und der Bettler, hat die kostbaren Leinenprodukte, Leinwand und Spitzen, jahrhundertlang mit Stolz getragen Das wird auch in dem bekannten und vielfach übersetzten Rätsel über den Flachs ausgedrückt:

„Als ich jung und schön

Trug ich eine blaue Kron.

Als ich war alt und steif

Band man mir ein Band um den Leib.

Als ich war geschwungen und geschlagen

Wurd ich von Königen und Fürsten getragen.

Deswegen war es der Stolz jeder Frau, ein feines Flachsgarn spinnen zu können.

Bis zum Ersten Weltkrieg noch wurde auf unseren Bauernhöfen Flachs angebaut, um den Eigenbedarf an Leinwand zu decken. So kommt es, dass der Flachs im bäuerlichen Brauchtum immer eine wichtige Rolle spielte.

Sagte man nicht:

„Selbst gewonnen, selbst gesponnen,

Selbst gewebt und selbst gemacht,

Das ist die beste Bauerntracht.“

Die Mädchen legten ihre Ehre dar, viel selbst Gesponnenes zu besitzen, und sie wussten auch, dass dies die jungen Burschen schätzten. Gut Flachs spinnen zu können, war immer ein guter Empfehlungsbrief für ein Mädchen. Sie bot dadurch eben die Gewähr, auch in anderen Dingen fleißig zu sein.

„Ein Mädchen, das ordentlich spinnen kann,

das darf auch freien einen Mann.“

Das alles war solange schön, bis die Mechanisierung die Handarbeit verdrängte. Ab 1840 erlebten die vielen hunderttausend Spinnerinnen und Leinenweber ihre schwärzesten Zeiten. Es gab wirkliche Armut in diesen kinderreichen Familien. Die Volksdichter beschrieben spottend diese schrecklichen Zeiten:

„Die Leinenweber nehmen keinen Lehrjungen an,

der nicht sechs Wochen fasten kann.“ 

Und noch:

„Die Leinenweber schlachten alle Jahr zwei Schweine,

Das eine ist gestohlen, das andere ist nicht seins!“

 

Oder:

„Die Leinenweber haben ein Schifflein klein,

das setzen sie die Wanzen und Flöhe hinein.“

Die Erfindung der Dampfmaschine und die fortschreitende Industrialisierung nahmen mit der damit verbundenen Verbilligung der Waren dem heimischen Webergewerbe jede Absatzmöglichkeit. Mit der billigeren Fabrikware konnten die hiesigen Leinenweber nicht konkurrieren. Damit war in Allendorf der Verfall eines jahrhundertealten Handwerks besiegelt.

 

Das Wanderbuch des Leinenwebergesellen Melchior Noll aus Allendorf ermöglicht einen Einblick in die für die Leinenweberei schwere Zeit. Das Wanderbuch ist im Allendorfer Heimatmuseum ausgestellt.

Die Wanderbücher wurden armutshalber gratis, sonst gegen Entrichtung einer Gebühr von 5 Silbergroschen vom Großherzoglichen Hessischen Kreisamt Gießen ausgegeben. Die im festen Einband enthaltenen Blätter sind durch eine abgesiegelte Kordelbindung gesichert. Das im Kleinoktav-Format geschnittene Büchlein beinhaltet auf der ersten Seite die Personalien und eine genaue Personenbeschreibung.

Auf den weiteren Seiten folgen die Eintragungen und Beurteilungen der einzelnen Wanderorte. Folgen wir dem Handwerksburschen Melchior Noll kurz auf seinen Wanderungen.

Er brach am 30. Juni 1855 in Allendorf auf „um Verdienst zu suchen“ und ging über Holzhausen nach Bad Homburg – Assenheim - Usingen – Dornassenheim – Bellersheim – Eberstadt – Butzbach – Offenbach - Bad Homburg –Worms – Mainz – Bingen – Oppenheim – Frankfurt (Main) – Friedberg – Holzheim – Hermannstein – Lich – Rüsselsheim – Wiesbaden – Bad Homburg – Münzenberg – und zurück nach Allendorf.

Der letzte Allendorfer Leinenweber war Heinrich Paulus, geboren  am 14. September 1883.  Er erlernte das Weberhandwerk im väterlichen Betrieb und besuchte die Webschule in Lauterbach. Bis zum Jahre 1924 unterhielt er in der Zahlgasse eine Weberei, die mit vier Webstühlen arbeitete. Die Fertigprodukte fuhr er mit einem Pferdefuhrwerk einmal im Monat nach Frankfurt. Eine derartige Fahrt dauerte immer mehrere Tage.

Die Musterbücher des Leinenwebers sind Museum  sowie viele Wäsche- und Kleidungstücke aus handgewebten Leinen sind Museum  zu sehen.

Über die Not und das Elend hat Gerhard Hauptmann in seinem Werk "Die Weber" ein nachdrückliches Denkmal gesetzt

Das Leinenweber Lied

Ei wie so töricht ist´s

Wenn man´s betrachtet

Wer einem Leineweber

Seine Arbeit verachtet.

Kein Mensch auf dieser Welt,

dem einem Leineweber seine Arbeit nicht gefällt.

Ein jeder muß sagen, Leineweber muß man haben.

Wenn ein kleines Kindelein

auf die Welt wird geboren,

wird dem Leineweber seine Arbeit auserkoren.

In ein Lein´s Windelein wird es gewickelt ein.

Ein jeder muß sagen,  Leineweber muß man haben.

 

Das Leineweber Lied 2

Die Leineweber haben eine saubere Zunft,
Mittfasten halten sie Zusammenkunft.
harum di scharum di
schrumm, schrumm, schrumm.
Aschegraue, dunkelblaue,
mir ein Viertel,
dir ein Viertel,
schrumm, schrumm, schrumm.

Fein oder grob, gefressen wern se doch mit der Jule,
mit der Spulle, mit der schrumm, schrumm, schrumm.

Die Leineweber nehmen keinen Lehrjungen an,
der nicht sechs Wochen fasten kann.

Die Leineweber schlachten alle Jahr zwei Schwein,
das eine ist gestohlen, und das andre ist nicht sein.

Die Leineweber haben ein Schifflein klein,
da setzen sie die Wanzen und die Flöhe hinein.

Die Leineweber machen eine saubere Musik,
wie wenn zwölf Müllerwagen fahren über die Brück.