Ankunft von Heimatvertriebenen vor 80 Jahren in Allendorf (Lumda) neue Heimat gefunden

Dem einen oder anderen Gast des Bürgerstreffs Allendorfer Altstadt istsicherlich die Bronzetafel an der westlichen Fassade aufgefallen. Der Text der Tafel lautet:

„Am 7. Mai 1946 haben 120 Menschen aus Herzogwald im Sudetenland, nach der Vertreibung aus ihrer Heimat, in Allendorf/Lumda Zuflucht gefunden.  In Dankbarkeit für die Aufnahme und das gelebte Miteinander.Die Herzogwälder Dorfgemeinschaft“Diese Tafel wurde im Jahre 2021 an dem Bürgertreff angebracht. Die Initiative für die Erstellung der Erinnerungstafel ging von Otto Stein aus, die in Herzogwald geboren wurde und als Jugendliche die Vertreibung aus ihrem Geburtsort, den unwürdigen Transport in einem Viehwaggon und die Ankunft in Allendorf erlebt hat. Leider durfte sie die Anbringung der Gedenktafel nicht mehr miterleben. Am 7. Mai dieses Jahres sind 80 Jahre vergangenen seit der Ankunft der Herzogwälder in unserer Stadt. Wir möchten dieses geschichtsträchtige Datum zum Anlass nehmen und zurückblicken.

Am Ende der menschenfeindlichen Ideologie des Nationalsozialismus, der Deutschland und ganz Europa in die ungeheure Tragödie des Zweiten Weltkrieges gerissen hat, stand das schmerzvolle Leid der Vertriebenen und Flüchtlingen.

14 Mill. Menschen mussten nach dem Zweiten Weltkrieg das Grauen von Flucht und Vertreibung erleben. Viele Lebenszeugnisse handeln von Angst angesichts der näher rückenden Front, von Vergewaltigung, Gewalt und Hunger, von qualvoll langen Wegen bei eisiger Kälte über verwüstetes Land oder die eiskalte Ostsee, zu Fuß über das zugefrorene Eis oder auf heillos überfüllten Schiffen.

Andere Zeugnisse erzählen von Trennung und der Suche nach Kindern und nahen Angehörigen. Es sind bis zu 2 Millionen Menschen, die im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommen sind.

Wer Flucht und Vertreibung nicht erlebt hat, kann nie wirklich verstehen, was das für die, die das am eigenen Leib erlebt haben, bedeutet. Und zwar nicht nur für die Erlebnisgeneration, sondern über Generationen hinweg.

Wer die Heimat zwangsweise verlassen muss, spürt häufig eine lebenslange Wunde, die nur oberflächlich verheilt und immer wieder aufbricht.

Der Heimat- und Verkehrsverein beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen. Sehr oft wurden uns Begebenheiten über die Vertreibung geschildert, über die wir entsetzt sind und für behütet aufgewachsene Menschen unvorstellbar, sind. Gleiches gilt auch für Kriegsflüchtlinge und Asylsuchende aus anderen Teilen der Welt, die in den letzten Jahren in unserer Stadt Unterkunft gefunden haben. 

Als wir darum baten, über das Erlebte zu erzählen, wurde dies einige mal mit den Worten abgelehnt, das ist mir zu schmerzhaft und bereitet mir wieder schlaflos Nächte. Selbst Nachkommen von Heimatvertriebenen wollen nicht über das Schicksal ihrer vertriebenen Eltern sprechen, da sie dies zu sehr aufregt und belastet.         

Die größte Gruppe unter den vor 80 Jahren zugewiesenen Neubürgern waren die Herzogwälder.  Die tiefe Verbundenheit mit ihrem Schicksal wurde durch eine Patenschaft zwischen der Stadt Allendorf und den Herzogwäldern am 30. Mai 1982 besiegelt. Zur Erinnerung pflanzten einige Herzogwälder zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Walter Deissmann eine von ihm gespendete Linde auf „der Hombergwiese“.

Das Dorf Herzogwald lag im Kreis Bärn und hatte 17.5.1939 591 Einwohner.  Herzogwald war immer eine deutsche Gemeinde. 1945 wurde das Gebiet von Truppen der Sowjetunion besetzt, die die Kontrolle übernahmen. Die deutsche Bevölkerung war praktisch vogelfrei. Den Einwohnern, insbesondere den Frauen wurde großes Leid zugefügt. Am 26. April 1946 erfolge die Vertreibung der Deutschen aus Herzogwald. Das Dorf Herzogwald gibt es nicht mehr. Die Häuser wurden niedergewalzt und eingeebnet. Auf dem so entstandenen Gebiet wurden Bäumen gepflanzt und erhielt den Namen „Lesy“, übersetzt „Wälder“.

Das Aussiedlerlied,

das bei der Vertreibung 1946 im Lager Bärn gesungen wurde:„Schon vor Wochen hörte man die Tschechen schrei´n,„Njemci kommt und holt Euch den Aussiedlerschein.“Nun ist´s wahr geworden und wir müssen raus,mancher weinet Tränen um sein Vaterhaus.Nun besitzen wir doch weder Haus noch Heim.Teure Heimat wir gedenken dein.In der weiten Ferne, wo kein Mensch uns kennt.Sehnsucht nach der Heimat uns im Herzen brennt.Fünfzig Kilo ist jetzt unser Hab und Gut,Deutsche sind wir und das gibt uns frohen Mut.Auf den Herrgott droben weiter wir vertraun,er helf uns auch in Deutschland eine Heimat bau´n.Und dann fangen wir ein neues Leben anUnd vergessen alle Sorg´ und allen Gram.Bei den Amerikanern mög´s uns besser gehen,Aber daran denken: Auf ein Wiedersehn!O Sudetenland, wie bist du doch so schönWenn man schaut ins Tal von deinen stolzen Höh´n.Und den Tschechen wünschen wir noch recht viel Glück,vielleicht sehnen sie uns Njemci noch zurück.

Es liegen uns viele Berichte von Zeitzeugen vor, die als Kinder oder als Jugendliche durch Zwang ihr Zuhause und deren Familien ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Als Fremde kamen sie nach Allendorf.  Von den Einheimischen wurden sie nicht immer mit offenen Armen willkommen geheißen.

Das Zusammenleben von Altbürgern und Neubürgern war in der Nachkriegszeit auch in Allendorf nicht immer einfach und problemlos. Es galt nicht nur den allgegenwärtigen Mangel an Nahrungsmitteln und Kleidung, sondern vor allem den Wohnraum möglichst konfliktlos zu verwalten. Da auch noch ein Teil der ausgebombten Gießener und Frankfurter Familien in Allendorf wohnte, stellte der Zuzug und die Unterbringung der über 500 Heimatvertriebenen und Flüchtlingen eine kaum zu bewältigende Aufgabe dar.

Die objektiven Schwierigkeiten kumulierten zudem, denn mit der reinen Unterbringung waren die Probleme ja noch keineswegs gelöst. Die zur Verfügung gestellten Wohnräume (oft nur ein Zimmer für mehrere Personen, ohne Wasser und Abwasser) mussten mit dem notdürftigsten Hausrat und Wohnungsinventar ausgestattet werden. 

Dieser Bedarf wurde zu einem Teil von Einheimischen durch Spenden oder Leihen von Möbeln gedeckt, zum anderen musste Vieles auch angekauft werden. Auf den Schriftstücken in unserem Archiv ist das nachzulesen.

Die Nahrungsmittelversorgung der Heimatvertrieben stellte die Gemeinde-verwaltung ebenfalls vor erhebliche Probleme, denn die erforderlichen zusätzlichen Mengen waren von den örtlichen Bauern kaum zu erwirtschaften. Die Zuteilung der Einzelmengen für Fleisch, Fett, Brot, Kartoffeln etc. erfolgte auf der Basis der Zwangsbewirtschaftung mittels Lebensmittelkarten und Bezugscheinen. 

In unseren Archivunterlagen befindet sich auch folgende Veröffentlichung in den Amtlichen Bekanntmachungen für den Landkreis Giessen:

„Wohnraum schaffen für Flüchtlinge und andere Obdachlose!

Zahlreich sind in den Gemeinden des Kreises die Häuser, in welchen durch Ausbau der Dachgeschosse mit geringem Materialaufwand neuer Wohnraum geschaffen werden kann. Auch die handwerklichen Kräfte sind durchweg in allen Orten vorhanden.

Es darf im Winter 1945/46 kein Stillstand im Baugeschäft infolge Frost eintreten. Der Übergang von den Außenarbeiten zu dem Ausbau der Dachgeschosse sowie Hinter- und Nebengebäuden zu Wohnungen ist unverzüglich vorzunehmen.

Ich ersuche die Herren Bürgermeister bis zu 10. Dezember 1945 die in ihren Gemeinden in Frage kommenden Ausbaumöglichkeiten zu melden. Aus der Meldung muß hervorgehen, wie viel Wohnungen bzw. Einzelräume im Zuge dieser Aktion geschaffen werden können und wie viel Menschen dadurch Unterkunft finden können.

Der Termin 10.12.1945 ist unbedingt einzuhalten. Die sofortige Inangriffnahme solcher Bauarbeiten durch die Initiative der Herren Bürgermeister und der Hausbesitzer findet meine volle Unterstützung. Auch die Behelfsheime müssen unverzüglich fertig gestellt werden.

Gießen, 28. Nov. 1945                      Der Landrat: Dr.  Wagenbach“

„Flüchtlingstransporte –Flüchtlingsbetreuung

Für die Weiterbeförderung der ersten angekommenen Flüchtlingszüge haben sich in anerkennenswerter Weise viele Kraftfahrzeugbesitzer und Fahrer eingesetzt. So ist der reibungslose Weitertransport der so schwer getroffenen Menschen im wesentlichen den hilfsbereiten Kräften zu danken.

Eine angenehme Pflicht erfülle ich, wenn ich auch an dieser Stelle den Kraftfahrzeugbesitzern und Fahrern meinen Dank und meine Anerkennung ausspreche. Dieser meinen Dank gilt aber auch den vielen  Helfern vom Roten Kreuz, der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas und der Inneren Mission,  die den vielen Ausgewiesenen so hilfreich zur Seite standen.

Ich bin gewiß, dass auch bei Ankunft weiterer Flüchtlingstransporte Kraftfahrzeugbesitzer, Fahrer und Helfer sich wieder freudig zur Verfügung stellen und mithelfen werden das schwere Los der Flüchtlinge zu mildern. Wir wollen das Leid, das andere verschuldet haben und in das diese Ausgewiesenen unverschuldet geraten sind, durch unsere helfende Anteilnahme lindern.

Gießen, 4. März 1946        Der Landrat:  Dr. Wagenbach“

„Aufruf

Weihnachten, das Fest der Freude, steht vor der Tür. Wir alle freuen uns darauf, um unsren Liebsten eine besondere Freude zu bereiten.

Aber denken wir dabei, dass wir Tausende von Neubürgerfamilien in allen Gemeinden des Kreises haben, die absolut keine Möglichkeiten besitzen, ihren Kindern eine Freude in Form von Spielzeug oder Weihnachtsgebäck zu machen.

Indem wir ihnen eine Freude bereiten wollen, geben wir ihnen von Unserem etwas ab! –

Geben wir ihnen also:

Spielwaren und andere Geschenke, auch Kleider und Hausrat; geben wir von unserem Mehl und anderen Backzutaten etwas ab, damit auch diese, unsere Brüder und Schwestern, einen Festtagskuchen haben!

Je mehr wir helfen, umso größer soll unsere Weihnachtsfreude sein!

In den nächsten Tagen, sprechen in allen Gemeinden freiwillige Helfer und Helferinnen vor, um diese Sachen abzuholen.  Alles in der Gemeinde Gespendete bleibt in der Gemeinde zur Verteilung.

Wir vertrauen auf Eure Gebefreudigkeit!   DARUM GEBT GERNE!Wir wollen Weihnachten gemeinsam feiern!Unsere Freude wird dadurch größer sein!

Gießen, 3. Dez. 1946

Der Landrat: Benner          Der Flüchtlingskommissar:  Forschler

Diese 3 Veröffentlichungen lassen nur annähernd ahnen, wie dramatisch die Lebensumstände damals waren.

Es waren große Herausforderungen, die im Nachkriegsdeutschland von der Bevölkerung und den Kommunen zu bewältigen waren.  Wie groß die Not auch hier in Allendorf war, möchte ich an einigen Zahlen deutlich machen.

Die Kernstadt Allendorf hatte zu Beginn des Jahres 1946 rd. 1800 Einwohner. Im Laufe des Jahres 1946 wurden etwa 510 Heimatvertriebene und Flüchtlinge zur Unterbringung und Versorgung zugewiesen, sodass die Gesamteinwohnerzahl sich auf rd. 2300 erhöhte. Nach einer Statistik fehlten 182 Wohnungen.

Es konnte kurzfristig kaum zusätzlichen Wohnraum geschaffen werden. Die Neubürger mussten in den vorhandenen Häusern unterkommen. Die Wohnraumbewirtschaftung machte es möglich, dass der Bürgermeister gegen den Willen der Hauseigentümer Zwangseinweisungen aussprechen konnte.

Wie wir uns sicher vorstellen können, waren dies die schlechtesten Voraussetzungen für das enge Zusammenleben der Betroffenen, die oft zuheftigen Auseinandersetzungen führten. Aber trotz allem, die Integration gelang!

Die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge fügten sich schnell in die Dorfgemeinschaft ein. Sehr bald entwickelte sich ein verständnisvolles Miteinander. Die Evangelische Kirchengemeinde stimmte einer Nutzung ihrer Kirche durch die katholischen Christen zu. Dies war durchaus nicht allerorts üblich.

Die Neubürger bereicherten das kulturelle Leben in Allendorf. So richteten sie beispielsweise Faschingsbälle in der Volkshalle aus, die die Einheimischen in dieser Form nicht kannten und von denen noch heute berichtet wird.

Bald entspannte sich auch die Wohnungsnot. Bereits in den Jahren 1952 -1954 errichteten die Heimatvertriebenen die ersten 10 Wohnhäuser im Westerfeld (untere Waldstraße), für die die Stadt den Neubürgern das Bauland und das Bauholz aus dem Stadtwald kostenlos zur Verfügung stellte.

Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges war die weltweit größte demografische Umwälzung des 20. Jahrhunderts und eine der größten der Geschichte – auch in Allendorf.

Deshalb ist es unser Auftrag, an das Leiden der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge zu erinnern.

Erinnern und Verstehen muss in einer Welt, in der heute noch und wieder Millionen von Menschen heimat- und damit hoffnungslos sind, eine europäische Gemeinschaftsaufgabe werden. Nur so kann ein friedliches Zusammenleben auch der künftigen Generation gesichert werden.

Unsere Meinung ist:

Vertreibungen sind Unrecht – gestern und heute !Neue Heimat in Allendorf gefunden

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